Geschichte des chinesischen Wushu

Der Ursprung des Wushu läßt sich bis in die primitiven Urgesellschaften der Menschheit zurückverfolgen. Im Kampf mit wilden Tieren und im alltäglichen Umgang mit einfachen Verteidigungswaffen findet sich der Keim der späteren Kampfkunst.

1. Altertum und Zhou-Dynastie

In der Epoche der Sippengemeinschaft ereigneten sich zahllose kriegerische Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen Stämmen. So entwickelte sich schließlich eine bewußt eingesetzte Kampftechnik aus der ursprünglich instinktiven Selbstverteidigung. Bei diesem Wushu der Antike wiederholte man die zum Sieg beitragende Kampftechnik nach Beendigung des Krieges oder in einer Gefechtspause nochmals in einer Art kultischer Zeremonie, um Macht und Ruhm zu demonstrieren. Auf diese Weise entstand eine martialische Form des Tanzes.

2. Frühlings- und Herbstperiode bis Yuan-Dynastie

In der Frühlings- und Herbstperiode (770 - 476 v.u.Z.) und in der Epoche der streitenden Reiche (770 - 221 v. u. Z.) wandelte sich der kunstlose Ritus zu vielgestaltigen und ausgefeilten Tanzformationen, wie dem »Schwert-Tanz«, dem »Säbel-Tanz« und dem »Dreizack-Tanz«. Diese Tänze bildeten die Urform der heutigen Wushu-Formen. Der sportliche Freikampf ging wahrscheinlich aus traditionellen Faustkampf- Wettbewerben und Ringerspielen des Altertums hervor.

3. Vom Mittelalter bis zur Republik China

Während der Ming- (1368 - 1644) und Qing Dynastie (1644 - 1911) machte die Entwicklung des Wushu weitere bedeutende Fortschritte. Es bildete sich eine große Anzahl verschiedener Schulen und Stilrichtungen heraus, die trotz mancher Gegensätzlichkeiten doch stets eines gemeinsam hatten: der Schüler sollte durch beständiges, diszipliniertes Üben die meisterliche Beherrschung aller Kunstfertigkeiten der Formen und freien Kampfes erlernen.
Zu jener Zeit gewannen die "18 Meisterschaften der Waffen" an allgemeiner Beliebtheit. Ein gut ausgebildeter Kampfkünstler mußte den Bogen, die Armbrust, den Speer, den Säbel, das Schwert, die Lanze, den Schild, das Beil, die Streitaxt, den Dreizack, die Peitsche, den Schlagkolben, das Hakenschwert, den Stock, die Gabel, die Egge, die Kette und den Faustkampf beherrschen.

Ferner unterschied man nun zwischen der sogenannten "Inneren" und "Äußeren Schule". Anfänglich stand der Name "Innere Schule" für einen eigenständigen Kampfstil, dessen Schwerpunkt nicht auf dem Angriff lag, sondern vielmehr in einer geschmeidigen Abwehr und dem planvollen Attackieren bestimmter empfindlicher Körperstellen. Seit dem Mittelalter stritten die Anhänger der "»Inneren Schule" beständig mit der Gefolgschaft der Shaolin-Schule, die einen aggressiven und spektakulären Stil pflegte, und die - vielleicht deshalb - meist populärer war.
Theorie und Praxis der chinesischen Kampfkunst reiften in dieser Epoch zur festen Grundlage des modernen Wushu-Sportes. Neben naturwissenschaftlichen und heilkundlichen Ansätzen findet sich nun auch die klassische Philosophie Chinas mit ihren Yin- Yang- Prinzipien in den Leitmotiven jedes Wushu-Unterrichts wieder.
Darüber hinaus werden bildhaft - idealisierte Eigenschaften altüberlieferten volkstümlichen Gedankengutes angestrebt. So soll sich der vollkommene Kampfkünstler auszeichnen durch Tatkraft, Geschmeidigkeit Robustheit und "Mittig Sein".

In den Gründungsjahrei der Republik China erlebt das Wushu einen überragenden Aufschwung. Der Kampfsport geriet zu eine nationalen Bewegung, mit dem Ziel, dem Expansions streben der ausländische Kolonialmächte nachhaltig entgegenzuwirken. In allen größeren Städten schossen Wushu-Schulen wie Pilze aus dem Boden, die berühmteste unter ihnen, die legendäre Jing Wu-Sportschule, wurde 1909 von Großmeister Huo Yuan Jia in Shanghai eröffnet. Die Schule existiert auch heute noch und hat mittlerweile Zweigstellen in verschiedenen asiatischen Ländern eingerichtet. 1923 fanden schließlich, ebenfalls in Shanghai, die ersten offiziellen chinesischen Wushu-Meisterschaften statt. Fünf Jahre später hob die Nationalregierung ein »Nationales Wushu-Sportzentrum» in Nanjing aus der Taufe. Hier begann man nun erstmals, westliche Lehrmethoden zu studieren und ins Wushu einzubeziehen. 1936 reiste ein chinesisches Team zu den Olympischen Spielen nach Berlin und stellte der westlichen Sportwelt zum ersten Mal die traditionelle chinesische Kampfkunst vor.

4.Volksrepublik China bis zur Gegenwart

Als 1949 die Volksrepublik China proklamiert wurde, entschloß sich die neue Regierung, nach anfänglichen Unstimmigkeiten, Wushu auch zukünftig als Volkssport zu fördern. Die geschah unter der Leitung des Nationalen Sportkomitees und der "Chinese Wushu Association (CWA)". 1985 schließlich hielt man ein Vorbereitungssymposium zur Gründung der "International Wushu Federation (IWF)" ab. Da sich zu diesem Zeitpunkt bereits etliche Wushu-Verbände auf mehreren Kontinenten zusammengefunden hatten, führte die CWA nun auch internationale Wushu-Einladungswettbewerbe, Trainerausbildungen und Lehrgänge für Kampfrichter durch. Bei den 11. Asienspielen in Beijing im Jahre 1990 erschien Wushu als offizielle Wettkampfdisziplin im regulären Sportpogramm. Während der Spiele wurde dann auch die "International Wushu Federation" gegründet, zu deren Mitgliedern außer China auch die USA, Frankreich und Großbritannien zählen. Im Hinblick auf die große Anzahl von Stilarten und Disziplinen im traditionellen Wushu stellt sich zwangsläufig die Frage: Wie läßt sich eine für den Osten und den Westen gemeinsam verbindliche Unterrichtsform finden?

Im Jahr 1992 berief man den Nationalen Wushu-Arbeitskongreß mit dem bisher größten Rahmen ein. Dieser Kongreß setzte einen der wichtigsten Meilensteine in der Geschichte des chinesischen Kampfsportes; besonders im Bezug auf die Systematisierung, die Standardisierung und die wissenschaftliche Forschung wurden maßgebliche Schritte unternommen. Weiterhin faßte die Konferenz richtungsweisende Beschlüsse über die Klassifizierung der Sportler, Trainer und Schiedsrichter und führte endlich den sportlichen Freikampf (Sanshou) als Wettbewerbsdisziplin ein. Seitdem haben chinesische Wushu Abordnungen etwa 40 Länder besucht und dort Vorführungen veranstaltet, um ihre Kunst einem internationalen Publikum näherzubringen.

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